Wer sich mit historischem Tanz beschäftigt, stößt früh auf ein Problem, das auf den ersten Blick irritierend wirkt: Zwei verschiedene Quellen beschreiben denselben Tanz – und sagen trotzdem nicht dasselbe.
Genau das ist mir bei „Row Well, Ye Mariners“ passiert, einem Tanz aus John Playfords The English Dancing Master (1651). Beim Vergleich der Originalquelle mit modernen Aufführungen und Beschreibungen – unter anderem der bekannten Einspielung von Bare Necessities – fiel auf: Melodie und Choreografie stimmen nicht überein. Nicht ein bisschen anders, sondern spürbar.
Warum passiert sowas?
Playfords Originalnotation ist berühmt-berüchtigt knapp. Statt ausführlicher Anweisungen finden sich oft nur wenige Stichworte – genug für Tänzer:innen des 17. Jahrhunderts, die die Grundfiguren längst kannten, aber zu wenig für eine eindeutige Rekonstruktion heute. Jede Generation von Tanzforscher:innen und Callern füllt diese Lücken neu, mit eigenen Annahmen und eigenem Stil.
Bei „Row Well, Ye Mariners“ kommt erschwerend hinzu: Die Melodie selbst hat eine längere Geschichte als der Tanz. Sie taucht schon 1603 in Thomas Robinsons Schoole of Musicke auf, später 1707 auch in D’Urfeys Pills to Purge Melancholy – mit Abweichungen in Taktart und Tonart, je nachdem, welche Quelle man aufschlägt. Welche Choreografie ursprünglich zu welcher Melodieversion gehörte, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren.
Und selbst unter erfahrenen Callern gibt es keine Einigkeit: Manche modernen Rekonstruktionen wurden von anderen Fachleuten öffentlich infrage gestellt – und haben trotzdem den Weg in viel genutzte moderne Sammlungen gefunden. Uneinigkeit ist hier also nicht die Ausnahme, sondern eher der Normalfall.
Was heißt das für meine Tanzbeschreibungen?
Ich kann und will nicht behaupten, „die eine richtige“ Version zu liefern – die gibt es bei diesem Tanz schlicht nicht. Was ich stattdessen tue: transparent machen, welche Version ich verwende, und warum. Bei „Row Well, Ye Mariners“ bedeutet das konkret: ich gebe weiter, was ich ebenfalls auf einem Ball oder Seminar einmal gelernt habe.
Wenn du selbst tiefer einsteigen willst: Die verlässlichste Anlaufstelle für die Originaltexte über alle Playford-Auflagen (1651–1728) hinweg ist die CDSS-Datenbank The Dancing Master, die Faksimiles aller Auflagen dokumentiert.
Kurz gesagt: Wenn du bei einem historischen Tanz auf widersprüchliche Angaben stößt, hast du nichts falsch gemacht. Du hast nur angefangen, genauer hinzuschauen, als die meisten. Wer sich mit historischem Tanz beschäftigt, stößt früh auf ein Problem, das auf den ersten Blick irritierend wirkt: Zwei verschiedene Quellen beschreiben denselben Tanz und sagen trotzdem nicht dasselbe.
Genau das ist mir bei „Row Well, Ye Mariners“ passiert, einem Tanz aus John Playfords The English Dancing Master (1651). Beim Vergleich der Originalquelle mit modernen Aufführungen und Beschreibungen – unter anderem der bekannten Einspielung von Bare Necessities – fiel auf: Melodie und Choreografie stimmen nicht überein. Nicht ein bisschen anders, sondern spürbar.

